„Komm, erzähl mir Deine Geschichte!“ - Teil II

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Für eine Ethik der Narrativität mit Hannah Arendt

„Liebe Hannah…“ schreibt Rosa Yassin Hassan im Dezember 2018 in einem Artikel der ZEIT und antwortet damit Hannah Arendt 75 Jahre später auf ihren Text „Wir Flüchtlinge“. Rosa Yassin Hassan ist ebenfalls Flüchtling, kann diesen Beinamen, wie Hannah Arendt bereits schrieb, jedoch nicht ausstehen. Lieber wäre ihr „Einwanderin“ oder „Neuankömmling“. 75 Jahre später ist dieses Thema also wieder hoch aktuell. Auch heute sprechen wir von dem Flüchtling, der nun mit anderen Bildern und Stereotypen versehen ist, die alle einzelnen geflüchteten Menschen zu einem großen Kollektiv zusammenpferchen. Rosa Yassin Hassan beschreibt dieses Bild folgendermaßen: „Um ehrlich zu sein, liebe Hannah: Ich habe versucht, mich von meinen Landsleuten fernzuhalten, um ihnen nicht zu ähneln. Denn immer wieder bekräftigten die Vorurteile der Deutschen mein Gefühl, sie hätten ein kollektives Bild von uns und stempelten uns als Araber ab, die alle aus demselben rückständigen, verschlossenen Landstrich in der Wüste kommen. Einmal forderte mich sogar jemand auf, ihm nicht zu nahe zu kommen, weil er unter Kamelhaarallergie leide. Kamelhaar?! Ich habe in meinem ganzen Leben noch kein Kamel gesehen! Hier kennt mich niemand, niemand begreift hier, wer und was ich bin, denn ich bin Teil einer großen Herde. Genau wie der kleine Dackel in deinem Brief, liebe Hannah, der im Exil durch die Straßen läuft und behauptet, in seiner Heimat ein Bernhardiner gewesen zu sein.“

Die Autorin des ZEIT-Artikels beschreibt einen doppelten Schmerz des Flüchtlingseins. Sie wirken auf die Bewohner ihres neuen Landes wie „Wesen anderer Art“ und gleichzeitig sind sie für die anderen alle gleich. Weder das eine noch das andere scheint auf diese Gruppe von Menschen zuzutreffen, auch wenn sicherlich beide Beschreibungen etwas Wahres enthalten. Sie sind insofern „Wesen anderer Art“ als sie eine Kultur, oft auch eine Religion, verkörpern, mit denen die wenigsten bereits in Berührung gekommen sind. Vor allem aber haben sie in ihrem Heimatland, das sie verlassen haben, schmerzliche Erfahrungen erlitten, die wir kaum nachvollziehen zu vermögen und die sogar für die Betroffenen an die Grenzen des Erzählbaren reichen. Diese Erfahrungen wiederum teilen sie mit denjenigen, die ebenfalls aus ähnlichen Gründen ihr Heimatland verlassen haben und insofern gleichen sie einander. Nichtsdestotrotz werden diese zumeist schmerzlichen Erfahrungen von jedem Einzelnen auf so unterschiedliche Weise erlebt, dass es allein aus diesem Grunde nicht gerechtfertigt erscheint, sie alle über einen Haufen zu scheren. Die Stärke von Hannah Arendts Text „Wir Flüchtlinge“ lag darin, dass dieser Gruppe von Menschen ein Gesicht und eine gemeinsame Geschichte zurückgegeben wurden. Hannah Arendt selbst würde sicherlich argumentieren, dass dies noch nicht ausreicht. Die Erfahrungen, die Arendt aber auch Rosa Yassin Hassan beschreiben, ähneln sich zwar, haben jedoch unterschiedliche Gesichter und Stimmen. In diesem zweiten Teil möchte ich heute daher dafür argumentieren, dass wir mit dem Geschichtenerzählen über Menschen weitermachen müssen, im besten Falle dahingehend, dass nicht nur kollektive sondern auch individuelle und damit höchst persönliche Geschichten erzählt und angehört werden – beispielsweise die von Rosa Yassin Hassan. Das, so habe ich bereits angedeutet, sollte als eine ethische Pflicht verstanden werden. 

Warum genau nun sollte das Geschichtenerzählen über Menschen als eine ethische Pflicht verstanden werden? Es wird gemeinhin zwischen deskriptiven narrativistischen Theorien und normativen narrativistischen Theorien unterschieden. Vertreter deskriptiver, also beschreibender, narrativistischer Theorien behaupten zunächst einmal nur, dass es faktisch so ist, dass Menschen sich und ihre Geschichte(n) zum Gegenstand von Narrationen, also Erzählungen, machen. Vertreter normativer narrativistischer Theorien behaupten zudem, dass dies so sein sollte, weil es aus irgendeinem Grund gut, geboten oder rational ist. Die erste These scheint mir unbestreitbar. Auch wenn wir sicherlich nicht unsere ganze Zeit damit verbringen, uns gegenseitig Geschichten über uns zu erzählen, kommt es hin und wieder zu dem Punkt, an dem wir auf eine Geschichte zurückgreifen müssen. Etwa, wenn wir auf einer Feier einen alten Freund wiedertreffen, der damals immer gerne ein Bier zu viel trank und nun keinen Alkohol mehr zu sich nimmt. Wenn wir ihn also fragen warum, so wird er vermutlich auf eine Geschichte zurückgreifen. Diese Geschichten können sich entweder auf bestimmte Episoden unseres Lebens, zuweilen aber auch auf unsere gesamte Lebensgeschichte beziehen. Hannah Arendt gehört zu denjenigen Vertretern, die einen Schritt weitergehen würden und behaupten, dass es nicht nur so ist, sondern auch so sein sollte. Warum? Im vorangegangen Beitrag habe ich bereits einen ersten Grund genannt, der auch für Hannah Arendt ein wichtiger Ausgangspunkt zu sein scheint. Wir sollten uns Geschichten erzählen, weil sie einen wesentlichen Beitrag dafür leisten, als was bzw. wer wir uns verstehen. Das Erzählen von Geschichten ist konstitutiv für unsere Identität.

Diesbezüglich gibt es einige, meiner Meinung nach berechtigte Einwände. Ich möchte nur einen Einwand aufgreifen, der für meine weitere Argumentation von Bedeutung ist. Wir sind zwar prinzipiell in der Lage, vergangene Handlungen, Abschnitte oder gar unser ganzes Leben in (einer) Geschichte(n) aufzubereiten – obwohl es auch diesbezüglich berechtigte Einwände gibt – und dennoch scheint es Menschen zu geben, die dies so gut wie gar nicht tun und dennoch ein gutes Leben führen. Solltekann dann also nicht so stark verstanden werden, dass wir gar nicht anders können, dass wir ohne das Erzählen von Geschichten keinerlei Identität ausbilden oder gar kein gutes Leben führen. Es scheint vielmehr so zu sein, dass das Erzählen von Geschichten erst unter bestimmten Bedingungenvon großer Bedeutung wird und damit auch erst unter bestimmten Bedingungenvon einer Forderung gesprochen werden kann. Zumeist wohl dann, wenn es zu einer Art von Konflikt kommt und wir das Bedürfnis haben, etwas besser zu verstehen, nach Gründen zu suchen oder gar eine Person auffordern, Rechenschaft abzulegen (im Extremfall vor Gericht). Die These, dass das Erzählen von Geschichten deshalb wichtig ist, weil es konstitutiv für unsere Identität ist, scheint mir darüber hinaus nicht hinreichend für eine Begründung der ethischenForderung nach Geschichtenerzählen. 

Ein Übergang zu einer ethischen Begründung, der sich auf subtile Weise auch bei Hannah Arendt wiederfinden lässt, ließe sich vielleicht folgendermaßen gestalten: Der Punkt in unserem Leben, an dem das Geschichtenerzählen – vielleicht nicht für alle, aber ich behaupte doch für die meisten – bedeutsam wird ist, wie bereits im ersten Teil angedeutet, unser eigener Tod. Wir alle wollen, dass sich unsere Mitmenschen an uns erinnern und zwar am liebsten in Form von Geschichten. In den meisten Fällen, so würde ich behaupten, geschieht dies automatisch. Was ist aber mit denjenigen Menschen, die, wie Arendt sagen würde, gewissermaßen im Unbekannten verbleiben, d.h. deren wahres Gesicht und Geschichte wir nicht kennen? Scheint nicht jeder dieses Recht auf eine persönliche Lebensgeschichte zu haben, die erzählt und erinnert wird? Das ist vielleicht noch keine ausreichende Begründung, scheint mir jedoch eine grundlegende Intuition von uns aufzugreifen. 

Das Geschichtenerzählen hat also viel mit Erinnern zu tun, was für Hannah Arendt nicht nur in Bezug auf einzelne Menschen, sondern auch im Rahmen der politischen Sphäre eine zentrale Rolle spielt. Geschichten und Geschichte reichern nicht nur individuelle, sondern auch kollektive Identität und damit den politischen Raum an. So versteht sich Hannah Arendt als politischer Theoretikern undGeschichtenerzählerin. Sie betreibt politische Theorie in Form von Geschichtenerzählen und stellt sich damit gewissermaßen gegen eine philosophische Tradition, die maßgeblich an Objektivität, Kohärenz und Analytizität orientiert ist. Geschichten vermögen für Hannah Arendt etwas zu leisten, wozu abstrakte Theorien und bloße Argumente nicht in der Lage sind. In ihrer Wahl ihrer Methode, mit Hilfe derer sie politische Theorie betreibt – nämlich das Geschichtenerzählen – liegt für mich die eigentliche Begründung für die ethische Forderung, dass wir mit dem Geschichtenerzählen über Menschen weitermachen sollten. 

Nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts scheint Hannah Arendt jede Methode unangemessen, die von einer objektiven, absoluten Wahrheit ausgeht. Diese absolute Wahrheit gibt es für Arendt nicht und sie wäre in ihren Augen gefährlich, würde es sie geben. Wirklichkeit konstituiert sich für sie vielmehr durch die Pluralität der Perspektiven, denn das, was Arendt „Welt“ nennt, wird aus der Perspektive jedes Individuums anders wahrgenommen. Das Sorgetragen dafür, dass die Welt in ihrer Pluralität erhalten bleibt, ist die Forderung Arendts schlechthin. Sie bildet den Kern ihrer politischen Theorie, die versucht, Pluralität nach einer Zeit des Nationalsozialismus wieder stark zu machen. 

Nun ist das Geschichtenerzählen jedoch nicht nur eine politische Forderung, um Welt in ihrer Pluralität zu erhalten, sondern auch eine ethische, denn es hat seit jeher Menschen gegeben, die ausgeschlossen und marginalisiert wurden und die damit immer wieder die Erfahrung gemacht haben, dass ihre Geschichte und ihre Perspektive nicht wahrgenommen wurden. Geschichten und Geschichte, die beispielsweise nur aus der Täterperspektive erzählt werden und die Opfer verstummen lassen, sind nicht vollständig. Sie verhindern, das Ausmaß der Gräueltaten zu erkennen, diese zu verarbeiten und daraus für die Zukunft etwas zu lernen. Die Tatsache, dass sich heute einige Dinge von damals – z.B. Fluchterfahrungen - wiederholen und wir nach wie vor Schwierigkeiten haben, damit umzugehen, zeigt, dass nach wie vor einiges an Arbeit investiert werden muss. Mit dem Aussterben der Zeitzeugen des Holocaust wenden wir uns verstärkt den persönlichen Lebensgeschichten dieser Menschen zu. Sie werden in literarischen Texten, Filmen, Fotoausstellungen, etc. aufgearbeitet, um ihnen nachträglich ihre Würde und Individualität zurückzugeben. Wir sollten dabei jedoch nicht vergessen, dass es eine neue Gruppe von Menschen gibt, die ebenfalls das Bedürfnis verspürt, dass ihre persönliche Geschichte angehört wird. Es ist sicherlich wichtig, die Erinnerung an die Opfer des Holocaust und damalige Flüchtlinge und Exilanten nach wie vor festzuhalten. Wir sollten diese Erinnerungen darüber hinaus jedoch für die Gegenwart nutzen und dieses Mal rechtzeitig damit anfangen, uns auch die Geschichten aktuell flüchtender Menschen anzuhören. Denn auch sie sind Teil unserer Welt und dass, was wir unsere Welt nennen, entspricht nur dann der Wirklichkeit, wenn auch die Perspektiven derjenigen eingeschlossen werden, die uns oft so fremd und andersartig erscheinen.

Das Geschichtenerzählen leistet damit eine weitere, vielleicht heute wichtigste ethische Funktion: Sie ermöglicht Einblicke in die Anderen und ihre Fremdartigkeit beginnt dann zu weichen, wenn wir besser verstehen, wer sich hinter demFlüchtling verbirgt. Erst wenn wir ihr Gesicht, ihre Geschichte und ihre Stimme kennen, beginnen sie für uns ein Mensch unter Menschen zu werden, der dabei gleichzeitig jeweils einzigartig ist. Genau das, wollen wir doch alle sein und so sollte jeder ein Anrecht darauf haben.

Was der Vergleich von damals und heute tatsächlich leisten kann oder inwiefern er vielleicht auch problematisch ist, möchte ich in meinem dritten und letzten Teil anhand eines Poetry Slams untersuchen und abschließend für eine Ethik der Narrativität plädieren. Für heute verbleibe ich mit Rosa Yassin Hassan letzten Worten: „Ich weiß, dass du auf meinen Brief nicht antworten wirst, aber ich bin sicher, dass noch sehr viele Menschen wie du und ich auf die Welt kommen und auf diese Fragen Antworten suchen werden, denn es sind die Fragen, die sich jeder Flüchtling stellt.“

 

Hassan, Rosa Yassin: Mein Name ist Flüchtling, ZEIT ONLINE, 3. Dezember 2018

 

 

 

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Lea Ransbach

war im Sommer/Herbst 2018 Praktikantin in Château d'Orion. Sie hat an der Justus-Liebig-Universität Gießen Französisch und Philosophie studiert und bereitet derzeit ihre Promotion vor. Für ihre PhiLea-Kolumne auf unserem Blog setzt sie sich regelmäßig mit bedeutenden philosophischen Fragestellungen, Perspektiven und Persönlichkeiten auseinander. Als Nachklang der nun schon vergangenen Storytelling-Woche mit Ivan Engler und zum Vorgeschmack der 2020 stattfindenden Schreibwerkstatt mit Amelie Fried und Peter Probst nun der zweite Teil von Lea, in der Hannah Arendts Ethik der Narrativität mit aktuellem Zeitgeschehen in Bezug gebracht wird.

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